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La Touche: Über Blond sein, Klischees, und Freiheit auf und im Kopf

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Models of Germany

Models of Germany by latouche-com on Polyvore

Stolze 10 Minuten versuchte ich gestern berühmte, brünette, deutsche Models zu benennen, doch nur Namen von Blondinen wollten mir einfallen. Ich trug meine Haare früher auch in einem typisch deutschen Blond und erst ein Frisörunfall, der kurz vor unserer Hochzeit statt fand, machte mich zur Brünetten. Drei Jahre später fragt meine Familie immer noch, ob ich meine Haare nicht wieder “heller machen wolle”. Denn in Köln und Düsseldorf tragen die meisten helle Strähnchen auf ihrem Aschblonden Ausgangsmaterial. Von der Regionalität abgesehen, scheint die Entscheidung heller zu werden, um der „zwischendrin Farbe“ mehr Ausdruckskraft zu verleihen, eine recht universelle und ebenso konventionelle Idee zu sein. Seine Aschblonden Haare jedoch dunkler färben zu wollen resultiert oft in einem “Wirklich? Dunkler? Aber warum denn nur? Männer mögen doch lieber Blondinen?!”. Selbst Beauty- und Fashion-Journalisten verfallen allgemein in Erstaunen, wenn Stars wie Leigh Lezark, Angelina Jolie, Julia Roberts oder Winona Ryder berichten, dass sie in Wirklichkeit Aschblond seien.

Aus einer simplen Haarfarbe, die in den meisten Fällen kein ausgeklügeltes Statement ist, wird leider oftmals mehr gemacht als sie ist: Ich erinnere mich noch an einen Test in der Elle, der einem verraten sollte, ob man im Herzen blond oder brünett sei. Meiner fiel immer zu Gunsten letzteren aus, egal, wie oft ich ihn wiederholte. Was sollte das eigentlich heißen, im Herzen brünett? Das ich mich mehr auf das Intellektuelle besinne? Gescheiter bin? Mehr zur Introperspektive neige? Und im Gegenzug weniger Freude empfinde, weniger spontan und populär bin? Leider musste ich auch beobachten, dass meine unmittelbare Umgebung mehr oder weniger gut auf meine blonden Haare reagierte. Man sagt immer, dass blonde Frauen mehr Spaß im Leben hätten, nur welche Interpretation von Spaß ist damit gemeint? Die billige Aufmerksamkeit der anwesenden Männer, die mir zuflog, sobald ich den Raum betrat? Oder die geringschätzigen, tendenziell eifersüchtigen Blicke der Frauen, die mich wie Ohrfeigen trafen, da sie mich für Konkurrenz um die Gunst derjenigen Männer hielten, die mich heute, dank brünetten Haaren, plötzlich kaum mehr beachten? So richtig wohl gefühlt habe ich mich mit dieser Klischeebeladenen Haarfarbe nie, vor allem, da ich mich schon immer für Mode und Make-up interessierte. Allzu farben- oder musterfrohe Kleidung vermied ich allein deswegen, weil meine Haar schon genug Aufmerksamkeit auf sich zog.

Obwohl mein brünettes Haupthaar das Resultat eines Frisörunfalls war, glich es einer Rettung. Dank des braunen Haupthaars habe ich mich nie befreiter von den gängigen Klischees gefühlt! Mit meiner neuen Freiheit auf und im Kopf kann ich meine Modelust ungehemmter ausleben und experimentiere mit Farben, Texturen und Mustern. Eine pinke Kastenjacke aus Bouclé, die mit rosé-goldenen Lurexfäden durchzogen ist, verursacht heute bei meinen Mitmenschen höchstens noch ein Schulter zucken, früher hätte man mir hinter meinem Rücken den Spitznamen Barbie gegeben und prompt 50 IQ-Punkte abgezogen. Natürlich werde ich heute immer noch für meine (früher angeblich typisch blonde) Naivität, mein Literatur-, Sprach- und Kommunikationsstudium, und für meine Unfähigkeit im Kopf-rechnen zu können belächelt, aber es trifft mich nicht mehr so hart, da ich jetzt nicht mehr maßgeblich als Blondine oder als Modepüppchen abgestempelt werde, sondern einfach nur noch als Frau, die Modeaffin ist. Was das bei einer Anstellung in einer Ingenieurs- und Technologiegetriebenen Firma bedeutet ist allerdings noch mal ein anderes Thema…

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